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Orthodoxe spirituelle Buchstaben von Hegumen Nikon (Worobjow)

Orthodoxe spirituelle Buchstaben von Hegumen Nikon (Worobjow)

Vorwort

Igumen Nikon, vor seiner Mönchsweihe Nikolaj Nikolajewitsch Vorobjew, wurde am 22. Mai 1894 in die Familie eines Bauern aus dem Gouvernement von Twer hineingeboren. Die Familie war nicht sehr reich, deshalb waren Not und das Geschick, mit ihr leben zu lernen, bereits seit frühen Kinderjahren seine ständigen Begleiter. Nach der Grundschule kam er auf die Realschule in Vyschnyj Volotschok, wo er durch sehr vielseitige Talente auf sich aufmerksam machte.

Von frühster Jugend an war ihm ein ungewöhnlicher Drang eigen, nach dem Sinn des Lebens und der Wahrheit zu suchen. Auf der Realschule wandte er sich deshalb voller Heißblut den Naturwissenschaften zu, denn er war so naiv zu glauben, dass er dort auf seine Frage „Wozu lebt der Mensch?“ eine Antwort finden könne. Sein blinder Glaube an die Wissenschaft vermochte deshalb seinen damals ebenso konturenlosen Glauben an Gott leicht zu verdrängen. Nach einiger Zeit jedoch erkannte Kolja, dass sich die empirischen Wissenschaften in keiner Weise mit solchen Fragen beschäftigen, wie man die Wahrheit erkennen könne, was Ewigkeit ist und was Gott sei. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich dort nicht und liegt auch nicht im Wesen dieser Wissenschaften. Nachdem er dies erkannt hatte, wandte er sich in den oberen Klassen mit all dem für ihn charakteristischen Eifer dem Studium der Geschichte der Philosophie zu. Er beschäftigte sich mit den alten Griechen, mit der Philosophie Europas, der des Mittelalters und der der Neuzeit, ebenso aber auch mit der russischen und indischen. Um die modernen westlichen Philosophen besser verstehen zu können, erlernte er die deutsche und die französische Sprache.

Für das Erledigen der Hausaufgaben und die notwendige Lektüre blieben ihm nur die Nächte. Denn, um irgendwie überleben zu können, musste er nach dem Unterricht Schülern, die in der Schule Schwierigkeiten hatten, Nachhilfeunterricht geben. Doch sein Durst nach Wissen war so groß, dass er oft, wenn ihm nicht einmal ein Stück Brot geblieben war, für sein letztes Geld lieber ein Buch kaufte, das ihn interessierte.

Doch auch die Philosophie konnte seine gehegten Hoffnungen nicht erfüllen, da eben jeder Philosoph seine ganz eigene Antwort gibt. Wem aber sollte man glauben? Je älter Nikolaj wurde, umso deutlicher begann er zu fühlen, dass ein Leben, wie es von jener atheistischen Weltanschauung, der sich die damaligen Intellektuellen und die Jugend hingaben, propagiert wurde, keinen Sinn macht. Wenn am Ende von allem der Tod und die völlige Zerstörung der Persönlichkeit steht – wozu lebt ein Mensch dann überhaupt?

Nachdem Nikolaj seinen Glauben sowohl an die Wissenschaft als auch an die Philosophie verloren hatte, lässt er sich, in der Hoffnung, dort eine Antwort auf seine Frage nach dem Wesen des Menschen zu finden, am Institut für Neuropsychologie in Petrograd immatrikulieren. Doch hier erlebte er eine noch herbere Enttäuschung als an der Realschule. Nach einem oder zwei Jahren Studium brach er es deshalb ab. Eine schwere spirituelle Krise, in die er geraten war, machte ihm arg zu schaffen. In seinem Ringen mit vielen offenen Fragen kamen ihm auch Gedanken, sich das Leben zu nehmen.

Doch dann – es war im Sommer 1915 und Nikolaj war wieder einmal in einen Zustand völliger Verzweiflung geraten – erhellten ihn plötzlich wie ein Blitz Erinnerungen an seine Kinderjahre, die angefüllt waren mit Bildern gelebten christlichen Glaubens. Und was, wenn es Gott wirklich gibt? Dann sollte es sich doch zeigen! Und so rief Nikolaj, der eigentlich gar nicht mehr glaubte, aus der Tiefe seines Herzens: „Herr, wenn es dich gibt, dann zeige dich mir! Ich suche dich nicht, weil ich mir durch dich mein Fortkommen hier auf der Erde erleichtern will. Ich möchte nur eines wissen: Gibt es dich oder nicht?“

Und ... der Herr offenbarte sich ihm.

„Es ist nicht möglich – so berichtete Väterchen Nikon – jenes Wirken der Gnade zu beschreiben, das von der Existenz Gottes mit einer solchen Macht und Offensichtlichkeit kündet, dass bei einem Menschen keinerlei Zweifel mehr bleiben. Der Herr offenbart sich so, wie, sagen wir einmal, nach einer dunklen Wolke plötzlich die Sonne wieder hervorguckt. Es besteht einfach kein Zweifel, ob es nun die Sonne ist oder ob nur jemand eine Straßenlaterne angezündet hat. Der Herr hat sich mir so offenbart, dass ich auf die Erde niederfiel und nur sagen konnte: „Herr! Ehre sei dir! Ich danke dir! Lass mich dir mein ganzes Leben hindurch dienen! Mögen auch aller Kummer und jegliches Leid dieser Welt auf mich einstürzen, lass mich all dies erleiden, doch lass mich nie von dir abfallen, lass mir dich nicht verlieren!“

So hat sich also in einem bestimmten Moment in seiner Seele eine beeindruckende Wende ereignet. Es ist etwas Ungeheuerliches geschehen, ein wahres Wunder, eine, sagen wir einmal, natürliche Antwort Gottes auf die aufrichtige Suche eines jungen Mannes, der bereit war, keinerlei Kräfte zu schonen.

1917 beginnt er ein Studium an der Moskauer Geistlichen Akademie, die allerdings schon nach zwei Jahren den Unterricht einstellen muss. Er kehrt nach Vyschnij Voltschok zurück, wo er als Mathematiklehrer an einer Mittelschule zu arbeiten beginnt. Doch nach einigen Jahren kündigt man ihm dort, weil er sich geweigert hat, am Ostermontag zu arbeiten. Er geht daraufhin nach Moskau und beginnt als Psalmenleser in der Kirche zu Ehren der Fürstenmärtyrer Boris und Gleb seinen Dienst zu tun. Von dort siedelt er später gemeinsam mit dem Vorsteher dieser Kirche Theofan (Semenjako), nachdem dieser zum Bischof geweiht wurde, nach Minsk über, wo er 1931 die Mönchsgelübde ablegt und von eben diesem Bischof den Namen Nikon erhält. Dieser ist es auch, der ihn zum Diakon und später zum Priester weiht. Am 23. März 1933 (am Jahrestag seiner Mönchsweihe) wird Vater Nikon verhaftet und nach Artikel 58 (politische Gründe) auf fünf Jahre Lagerhaft verurteilt und nach Sibirien verbannt, wo er am Aufbau von Komsomolsk am Amur beteiligt ist. Wie durch ein Wunder, wie er es selbst einmal gesagt hat, wurde er nach Zusammenrechnung seiner abgeleisteten Arbeitstage bereits im Jahre 1937 wieder freigelassen.

Nach seiner Rückkehr aus dem Lager nimmt ihn der bekannte Chirurg Michail Lwowitsch Sergiewskij, der damit sein Leben riskiert, in Vyschnij Volotschk bei sich auf und gibt ihm eine Anstellung als allgemeiner Gehilfe in Haus und Hof. Möge Gott ihn selig haben!

Hier wartet auf Väterchen noch eine weitere Lektion, Leid ertragen zu lernen. Die Ehefrau des Arztes, Alexandra Efimowna, sowie auch ihre Schwester, Elena Efimowna, sind glühende Verfechter des Atheismus und machen sich offen über den Glauben, den Mönchsstand und das Priestertum vom Vater Nikon lustig. Ihre Verhöhnung endet jedoch damit, dass die beiden ihrem Glauben an den Atheismus entsagen und aufrichtige Christinnen werden. Eine von ihnen lässt sich sogar heimlich zur Nonne weihen.

Als die Kirchen wieder geöffnet werden, beginnt Väterchen wieder als Priester zu dienen. 1944 wird er vom Bischof der Stadt Kaluga als Vorsteher der Maria-Verkündigungskirche in Kozelsk eingesetzt, wo er bis 1948 dient. Dort lebt er in der Wohnung einer der Nonnen von Schamordino und gibt sich strengster Askese hin. 1948 wird Vater Nikon nach Gshatsk (heute Gagarin) in das Gebiet von Smolensk gesandt, um dort einer Gemeinde, die völlig am Boden liegt, als Priester vorzustehen.

Er findet tiefen Trost bei der Feier der Gottesdienste, insbesondere der Liturgie. Außer an den Sonntagen, wie es auch vor seiner Zeit dort üblich war, führt der die Feier der Liturgie auch am Mittwoch, Freitag und Samstag ein. Er zelebriert ohne besonderen Pomp, still und natürlich. Er verbietet es, anderen im Altarraum zu stehen (weshalb er bei den Männern dort nicht sehr beliebt ist). An allen Sonn- und Feiertagen hält er ausführliche Predigten. Die Kraft seines Wortes spricht sich weit herum. Bei seiner Versetzung nach Gshatsk sind die dortigen Amtspersonen vorgewarnt worden, dass ein aktiver Prediger in ihre Gegend komme, der es vermag, das Volk zu beeinflussen. Er redet sehr emotional und aus der Tiefe seiner Seele. Immer wieder betont er in seinen Predigten die Notwendigkeit, die eigene Sündhaftigkeit zu erkennen und Buße zu tun. Er ermahnt die Menschen, zu begreifen, dass man vor Gott ein Gefallener ist, denn nur so kann man zu jener Demut gelangen, aus der das Seelenheil erwächst. Nur aus diesem Bewusstsein heraus kann wahre, keine sentimentale, christliche Liebe geboren werden. Er gestattet es nicht, nach dem Vers zur Kommunion irgendwelche Kirchenkonzerte zu singen. Ebenso verbietet er einige Cherubim-Hymnen und Gesänge zum Eucharistischen Hochgebet und andere Gesänge, die er als dämonisches Treiben vor Gott ansieht, nicht aber als ein Gebet.

Er ist ein mutiger und kluger Mensch. Einerseits berührt er in seinen Predigten nie irgendwelche politischen Themen. Gleichzeitig aber auch lässt er ohne Furcht all das politische Angebiedere – wie er es ausdrückte - in den offiziellen Grußbotschaften den Patriarchen zu Weihnachten und zu Ostern einfach weg. Die vor seiner Zeit leer gewordene Kirche füllt sich allmählich wieder mit Gläubigen.

Vater Nikon stirbt am 7. September 1963 und wird hinter der Apsis der Friedhofskirche zu Ehren von Christi Himmelfahrt, in der er 15 Jahre gedient hat, beigesetzt. Es sei an die von vielen bei seiner Beerdigung und der zuvor gefeierten Liturgie empfundene besondere Atmosphäre von Frieden und innerer Freude erinnert, die die gleichzeitig bei allen empfundene Trauer in sich aufsog.

Vater Nikons Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat, lautet: den Glauben durch uneingeschränkte Erfüllung von Christi Geboten und Buße zu bewahren, jegliche Hast und Eitelkeit zu vermeiden, da sie die Seele leer werden lassen, sowie sich in seinem geistlichen Leben immerfort an den Werken des Heiligen Ignatius (Brjantschaninow) zu halten, dessen ergebener Schüler er war.



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